EINE ODE AN DEN EMBRUNMAN

3,8 km Schwimmen - 188 km Rad - 42,2 km Lauf
Gesamthöhenmeter: 4.300
Höchster Punkt: Col del'Izoard, 2.360 m

Embrunman: „Mythos.“ „Wahnsinn...“ „Em- was?“, „Der geilste Ironman.“
Wo immer man dieses Zauberwort unter Triathleten in die Runde wirft, irgendeiner bekommt immer glänzige Augen. „Und dann dieser letzte 14%er, nachdem du schon fast viertausend Höhenmeter in den Keulen hängen hast. Ich sach’ dir Alter, nich’ normal!“ Oder: „Die Schwimmstrecke? Ja, die is’ flach, aber wenn die da einen Berg einbauen könnten, sie würden’s tun.“
Schämt Euch Ihr Unkundigen, die Ihr nichts über den Embrunman wisst! Das ist schliesslich ein Rennen, bei dem man gewesen sein - ja es ist so - MUSS. Roth und Frankfurt? Ganz nett mit all’ den Zuschauern. Hawaii? Hübsch, sind alle da. Aber Embrun...
Der Embrunman wird 2008 stolze 25 Jahre alt. Grund genug eine kleine Hommage an den härtesten aller Ironman zu schreiben. Und hoffentlich bietet es Anstoß für den einen oder anderen auf der Suche nach einer Herausforderung. Wenn es der zehnte flache Ironman nicht mehr bringt, man sich zunehmend über Windschattenfahren ärgert und „Finishen“ nur noch ‚nett’ ist und das ‚feeling’ vom Anfang irgendwie verblasst ist, dann ist der Embrunman genau das Richtige.
3.800 Höhenmeter. Col de l’Izoard, 2.360m über Meer. Das sind die Eckdaten der Radstrecke. Klingt nach Tour de France? Ist auch so ähnlich. Ok, wir Triathleten Schwimmen noch ein wenig vorweg und Laufen „hintendrauf“. Aber der Reihe nach.
Embrun liegt 800m hoch am grössten Stausee der Alpen in den französischen ‚Alpes Maritimes’. Ein kleines Städtchen mit einer Mischung aus Provence und Alpen. Schneebedeckte 4000er und Kräuterdüfte gleichzeitig, dazu ein Café au lait plus Croissant. Im Sommer wird’s richtig schön warm, da geht’s im August schon mal deutlich über die dreißig Grad. Aber alpentypische Wetterkapriolen sind nicht ausgeschlossen. Dennoch: Embrun verzeichnet 300 Sonnentage im Jahr! Und bitte eines vorweg: die Aussprache ist wichtig. Deutsch ausgesprochen klingt Embrun mehr nach einem Rindviech (nein, nicht ‚Ebru’). Auf Französisch aber, hach...
Ca. 1.000 mehr oder wenig verrückte Triathleten pilgern jedes Jahr am 15.08. (Fixtermin) nach Embrun. Und – jawohl! – auch ‚Big-four-member’ Scott Molina steht schon in der Siegerliste. Mark Allen gewann Ende der 80er an derselben Stelle einen Kurzdistanz-Weltcup. Aber warum startete der Konagott nicht über die Ironmandistanz? „Nein Danke, zu hart.“, soll er bloß gesagt haben. Egal, dafür sind ja wir da.
Gerald Iacono heisst der umtriebige Organisator des Embrunman. Schon oft stand das Rennen vor dem Aus. Monsieur „Embrunman“ war am Ende seiner Motivation angelangt, wollte das Mammutrennen nicht mehr organisieren. Totgesagte leben aber eben länger. Als Iacono im Gespräch war, in Frankreich einen ‚offiziellen’ Ironman auszurichten – es gab bis Gerardmer 2002 keinen anderen nennenswerten Ultra auf der anderen Rheinseite -, meinte er nur kurz aber aufrichtig: „WTC? Alles Verbrecher.“ Und heute gelingt es ihm insgesamt stolze 100.000 € Presigeld zu verteilen! Startgeld? 210 €.

Die Schwimmstrecke ist ein unspektakulärer Zwei-Runden-Kurs im Lac du Serre Poncon. Genauer gesagt im durch einen Damm vom Hauptsee abgetrennten Teil. Das garantiert Temperaturen von über 20°. Unspektakulär? Nicht ganz. Der Start ist schon um 6 Uhr. Und da ist es in den französischen Alpen Mitte August schlicht und einfach noch stockdunkel. Ist mal was anderes, erleichtert die Orientierung aber nicht unbedingt.
188
km misst die Radstrecke. 400m rollt es flach aus der Wechselzone, schon geht’s
bergauf. Und zwar richtig, fast 20 km! Das ist aber eigentlich nur zum
Warmfahren. Nach dem ersten Gekraxel, während sich die Sonne über die
Alpengipfel schiebt und man die technische Abfahrt hinter sich hat, geht’s
wieder zurück zum See. Man kann bei Km 40 nochmals schnell die Anhängerschaft
grüssen, ehe man die lange Reise zum Col de l’Izoard antritt. Das kleine, aber
hübsche Nebensträßchen schlängelt sich oberhalb der Durance Richtung dem auf
eintausend Meter Höhe gelegenen Guillestre. ‚Gewöhnungsbedürftiger’ Straßenbelag
und kleine Rampen zerren schon früh weiter an den Schenkeln. Die Fahrt führt von
Guillestre aus gut 15km durch ein imposantes Tal mit atemberaubenden Schluchten
und dunklen Felstunnels. Dann folgt der eigentliche Anstieg zum Col de l’Izoard.
Er ist ein echter Tour de France-Klassiker, 1000 Höhenmeter auf ca. 12 km.
Verkehr gibt’s kaum, am Wettkampftag ist die Strasse gar für den Autoverkehr
gesperrt. Zuerst geht’s an Wiesen und Weiden vorbei, dann durch das Dörfchen
Arvieux auf einer fies-steilen, zwei Kilometer langen Gerade mit zweistelligen
Steigungsprozenten. Auf 1.600 Meter Höhe führt die Strasse dann nochmals in den
Wald mit Kehren, aber richtig erholsam flach ist es nie. Auf 2.000 Meter beginnt
urplötzlich die Mondlandschaft der ‚Casse Desert’. Angesichts der dünnen Luft
dort oben erkennt man das am Straßenrand aufgestellte Monument für einen
Radrennfahrer vergangener Tage kaum mehr. War es Coppi? Oder doch Rivale Bartali?
Oder beide? Egal, die Strassenbeschriftungen lassen multiple Besuche von Tour,
Dauphine und auch Giro erahnen.
Kurz unter dem Gipfel stehen unsere Fans gar Spalier. Da kommt Freude auf! Aber
mies kühl kann es auf beinahe 2.400 Meter auch im Hochsommer schon sein. Bei
meinem Start 1997 wurden dort aber stolze 20 Grad gemessen, so dass ich mich gar
im ärmellosen Radtrikot in die Abfahrt stürzte. Und dass 20 Grad auf 2.400 Meter
später beim Marathon beinahe 35 Grad bedeuten würden, war mir zu der Zeit noch
nicht bewusst. Apropos Abfahrt: Steuerkünste waren damals gefragt auf dem
holprig-miesen Asphalt. Die schon müde Muskulatur musste auch noch zusätzliche
Haltearbeit leisten. Doch heute ist es anders. Im Jahre 2002 bekam der Col einen
neuen Belag.
Wer nach 130 Radkilometern unten im Tal
in Briancon angekommen ist und glaubt, dass es von da an entlang des Flusses „Durance“
nur noch abfallend zurückgeht, der irrt. Um der
Hauptstrasse auszuweichen, geht es wieder auf kleine Nebensträßchen. Und dort
warten noch einige Überraschungen, unter anderem ein zwei km langer 20%er. Da
ist bei manchem Teilnehmer schieben angesagt. Doch all das (Rad-)Leiden hat ein
Ende. Wer bei Km 178 durch Embrun rollt und den Streckensprecher über die
Lautsprecher vernimmt, wähnt sich zuhause. Aber vorerst darf man die Heimat nur
schnüffeln. Der Embrunman wäre nicht der Embrunman, wenn es nicht kurz vor der
Wechselzone nochmals „rechts ab“ ginge, bergauf. „Chalvet“ heisst das Übel, ein
Dörfchen oberhalb Embrun. 5 km mit bis 12% müssen nochmals erklommen werden.
Dann ist es aber endgültig geschafft. Wobei ich anmerken muss, dass für mich der
schwerste Teil der gesamten Strecke die Schlussabfahrt war. Ich war muskulär und
energetisch so fertig, dass mich die Haltearbeit auf den kurvigen Sträßchen mit
schlechtem Belag beinahe überfordert hätte. Ich kann mich an zwei ‚Fast-Stürze’
erinnern.
Wem das jetzt zu brutal klingt, dem sei folgendes gesagt: sicher, bergfest sollte man auf dem Rad in jedem Fall sein. Aber es geht ja nicht 188 km bergauf. Die Abfahrten sorgen auch für Erholung. Hart ja, aber für gut trainierte in jedem Fall machbar.
Als
Anhaltspunkte Radzeiten von mir zum Vergleich:
flacher Ironman: 4:50h
Lanzarote: 5:30h
Embrun: 6:30h
Der Lauf. Da verschwomm vieles im Halb-Delirium. Aber auch hier konnte ich meine Streckenkenntnisse wieder auffrischen, indem ich die Laufstrecke ein paar Jahre später nochmals nachgelaufen bin. Zwei Runden sind zu absolvieren. Dabei ist das Aufstehen vom Holzstühlchen, das neben jedem Rad in der Wechselzone steht, schon echte Willensanstrengung. Zuerst geht es eine Runde flach um den kleinen Teil des Sees, in dem morgens geschwommen wurde. Dann vom See unten hoch nach Embrun, das ein wenig über dem ganzen Tal thront. Das ist dann schon mal wieder eher gemein, 10% steil und einfach nur hart. In Embrun weiter hoch durch das Hauptfussgängergässchen vorbei an Cafés und Souvenirläden. Endlich oben angekommen zeigt sich, dass Bergablaufen unangenehmer sein kann als Bergauf, wenn man dicke Beine hat. Wieder unten ‚rollt’ es erst einmal flach auf einer Wendepunktstrecke an dem Fluss Durance entlang. Danach wird es wieder unangenehm wellig auf einem kleinen Nebensträßchen an Campingplätzen, Chalets und Wohnhäusern vorbei. Das ist eindeutig der härteste Abschnitt der gesamten Laufstrecke. Wenn es heiß ist, schmilzt hier der Teer.
Zurück am See ist die Laufrunde absolviert und spätestens jetzt fragt man sich, ob gar die Laufstrecke härter als die Radstrecke ist. Eine zweite Runde und dann ist es geschafft.
Der Embrunman ist einfach ein Wettkampf, den man sich für sich selbst verdienen muss. Da gibt’s kein Schummeln, kein „Glück gehabt“. Ich war selten so zufrieden mit meiner Leistung wie dort. Platzierungen sind Nebensache. Denn wer nicht mindestens eine Zeit von 8:45h bei einem flachen Ironman draufhat, der braucht sich auch keine Gedanken wegen des Preisgeldes zu machen. Die Landschaft? Ich war in Neuseeland, Kona, California, Arizona, Brasilien, Engadin, der Toskana und sonstwo. Nirgendwo finde ich es im Hochsommer so schön wie in den Seealpen.
Mein Kumpel Patrick formulierte es so: „Ironman Lanzarote, so ein Rennen kannst Du jedes Jahr machen. Ist zwar hart, aber in 365 Tagen hast Du die Schmerzen locker vergessen. Embrun ist anders. Das brennt sich ein. Da ist maximal ein Zweijahresturnus möglich. Die Schmerzen hast Du nicht so schnell mal über den Winter vergessen.“